Oswin, König von Deira

Gedächtnis: 20. August
Der heilige Oswin (auch Oswine) entstammte dem Königshaus von Deira und war ein Sohn König Osrics. Er lebte in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, als das Königreich Northumbrien aus den beiden alten Teilreichen Deira im Süden und Bernicia im Norden bestand. Nach schweren politischen Wirren gelangte Oswin schließlich zur Herrschaft über Deira, während Oswiu, der Bruder des heiligen Königs Oswald, über Bernicia herrschte. Der ehrwürdige Beda berichtet, dass Oswin sieben Jahre lang über Deira regierte und sich großer Beliebtheit bei seinem Volk erfreute.
Beda zeichnet ein ungewöhnlich lebendiges Bild des heiligen Königs. Oswin war von vornehmer Erscheinung und angenehmem Wesen, freundlich im Gespräch und großzügig gegenüber Menschen jeden Standes. Vor allem aber zeichnete er sich durch Frömmigkeit und außergewöhnliche Demut aus. Seine Tugenden verschafften ihm ein solches Ansehen, dass selbst vornehme Männer aus anderen Gebieten gerne in seinen Dienst traten.
Eine besonders enge geistliche Verbindung bestand zwischen Oswin und dem heiligen Aidan, dem Bischof von Lindisfarne. Oswin unterstützte dessen apostolisches Wirken und schenkte ihm eines Tages ein ausgezeichnetes königliches Pferd, damit der Bischof seine weiten Reisen leichter bewältigen könne. Aidan, der gewöhnlich zu Fuß unterwegs war, begegnete jedoch bald einem Armen und schenkte diesem das königliche Pferd samt seiner Ausstattung. Als Oswin davon erfuhr, fragte er den Bischof, weshalb er gerade dieses wertvolle Pferd verschenkt habe, obwohl andere Pferde zur Verfügung gestanden hätten. Aidan erwiderte ihm sinngemäß, ob ihm denn das Fohlen einer Stute wertvoller sei als ein Kind Gottes.
Der König schwieg zunächst und dachte über diese Worte nach. Später legte er sein Schwert ab, fiel Aidan zu Füßen und bat ihn um Vergebung. Er versprach, künftig niemals mehr zu beanstanden, was Aidan von seinem Besitz den Armen schenken wollte. Tief bewegt erhob der Bischof den König. Aidan erklärte daraufhin unter Tränen, dass er noch niemals einen derart demütigen König gesehen habe. Zugleich äußerte er die Vorahnung, Oswin werde nicht mehr lange leben, da das Volk eines solchen Herrschers nicht würdig sei. Diese Begebenheit ist bereits beim ehrwürdigen Beda ausführlich überliefert und wird auch in der orthodoxen Lebensbeschreibung des heiligen Aidan bewahrt.
Zwischen Oswin und Oswiu von Bernicia bestanden jedoch zunehmende politische Spannungen. Schließlich stellten beide Könige Heere gegeneinander auf. Als Oswin erkannte, dass die Streitmacht seines Gegners wesentlich stärker war, entschloss er sich, die Schlacht nicht aufzunehmen. Er entließ sein Heer und befahl seinen Männern, in ihre Heimat zurückzukehren. Die kirchliche Überlieferung sieht in dieser Entscheidung besonders seinen Willen, weiteres Blutvergießen unter seinem Volk zu vermeiden.
Oswin selbst zog sich nur mit seinem treuen Gefährten Tonhere nach Ingethlingum, dem heutigen Gilling, zurück. Dort suchte er Zuflucht bei Hunwald, einem Adeligen, den er für seinen Freund hielt. Hunwald verriet jedoch den König und offenbarte Oswiu seinen Aufenthaltsort. Auf Oswius Befehl wurden Oswin und sein Gefährte durch dessen Befehlshaber Æthelwin am 20. August 651 getötet. So vollendete der heilige König seinen irdischen Lauf, nachdem er auf eine aussichtslose Schlacht verzichtet hatte, und wird von der orthodoxen Überlieferung als Passionsträger verehrt.
Nur elf Tage später, am 31. August 651, entschlief auch der heilige Aidan. Die zeitliche Nähe des Todes der beiden Männer wurde in der kirchlichen Überlieferung mit ihrer engen geistlichen Verbundenheit in Zusammenhang gebracht.
Am Ort der Ermordung Oswins wurde später in Gilling ein Kloster gegründet. Dort sollte für den ermordeten König ebenso wie für Oswiu gebetet werden, der seinen Tod angeordnet hatte. Damit wurde der Ort des Bruderkampfes und der Blutschuld zu einem Ort des Gebetes und der Versöhnung. Bereits der ehrwürdige Beda bringt die Gründung dieses Klosters mit der Sühne für Oswins Tod in Verbindung.
Die Verehrung des heiligen Oswin setzte sich über die folgenden Jahrhunderte fort und verband sich besonders mit Tynemouth, wo seine Reliquien verehrt wurden. Seine Grabstätte geriet während der späteren Verwüstungen zeitweilig in Vergessenheit. Der Überlieferung zufolge wurde der Ort seiner Gebeine im 11. Jahrhundert auf wunderbare Weise wiederentdeckt. Im Jahre 1065 wurden seine heiligen Reliquien erhoben; ihre Auffindung wurde später ebenfalls liturgisch begangen. Am 20. August 1103 wurden die Reliquien in Tynemouth erneut feierlich erhoben und in einen kostbaren Schrein übertragen. Tynemouth entwickelte sich zu einem bedeutenden Ort seiner Verehrung, an dem zahlreiche Gebetserhörungen und Wunder überliefert wurden.
So blieb der heilige Oswin im Gedächtnis der Kirche nicht in erster Linie als mächtiger Herrscher, sondern als demütiger christlicher König lebendig. Besonders seine geistliche Freundschaft mit dem heiligen Aidan und seine Bereitschaft, dessen Zurechtweisung demütig anzunehmen, wurden zum bleibenden Zeugnis seines christlichen Lebens. Die Orthodoxe Kirche ehrt ihn als heiligen König und Passionsträger, der angesichts des drohenden Kampfes auf weiteres Blutvergießen verzichtete und schließlich selbst den gewaltsamen Tod erlitt.
Quellen: Ehrwürdiger Beda, Historia ecclesiastica gentis Anglorum, Buch III, Kapitel 14; Rumänisch-Orthodoxe Erzdiözese von Großbritannien und Nordirland, Saint Oswin the Passion-Bearer, King of Deira; Saints of the Isles, The Holy Passion-Bearer Oswin, King of Deira.
Gebete
Troparion (1. Ton)
Liebenswürdigkeit und Demut strahlten aus von dir, o leuchtender Märtyrer Oswin. Vom heiligen Aidan zum christlichen Herrscher geformt, erleuchtetest du den Norden Britanniens. Ehre sei Ihm, der dich stärkte; Ehre sei Ihm, der dich krönte; Ehre sei Ihm, der durch dich Heilungen für alle wirkt.
Kondakion (2. Ton)
Wie ein leuchtender Stern erstrahltest du, o Märtyrer Oswin, und erleuchtetest durch deine Demut und gottgefällige Herrschaft das Land des Nordens. Da du lieber dein eigenes Leben hingabst, als das Blut deines Volkes zu vergießen, empfingst du von Christus die unverwelkliche Krone. Bitte Ihn ohne Unterlass für uns alle.